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Die grosse Schweizer Wasserlüge – Weltwocheartikel vom 14.04.2021

Der Bund will beim Grundwasser extreme Reinheit erreichen. Das hilft den Bio-Agrarinitiativen und schränkt die normale Landwirtschaft massiv ein.

Der folgende Artikel wurde in der Weltwoche vom 14.04.2021 publiziert. Er wird mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Weltwoche-Chefredaktion aufgeschaltet.

Die grosse Schweizer Wasserlüge

Der Bund will beim Grundwasser extreme Reinheit erreichen. Das hilft den Bio-Agrarinitiativen und schränkt die normale Landwirtschaft massiv ein.


14.04.2021
Beat Gygi


Diesmal kommt die Meldung vom Bielersee: «Wieder zu viel Chlorothalonil im
Trinkwasser», titelte das Bieler Tagblatt dieser Tage. Der Text tönt dann zwar weniger
dramatisch: Die Wasserqualität des Bielersees unterliege grossen Schwankungen, und im
Sommer habe die Energie- und Wasserversorgung Biel Massnahmen zur
Trinkwasseraufbereitung ergriffen, die nun nicht so wirksam seien wie erwartet. Aber
alarmistische Titel sind beim Thema Trinkwasser für Medien praktisch der Normalfall.
Chlorothalonil ist ein Wirkstoff, der im Pflanzenschutz zur Pilzbekämpfung dient und in
Verruf geraten ist. Seit 2020 ist dessen Anwendung in der Schweiz verboten.

Tendenzen im Departement Sommaruga

Trinkwasser in Gefahr! In den vergangenen zwei Jahren häuften sich in den Medien
Alarmmeldungen zum Zustand des Schweizer Grund- und Trinkwassers. Etwa: «Bund weist
im Grundwasser vermehrt Schadstoffe nach», «Haben Wasserversorger im Mittelland überhaupt noch eine Zukunft?», «1 Million Schweizer trinkt Wasser aus gefährdeten
Quellen», «Wo die Pestizidhöllen der Schweiz liegen», «Grundwasser ist an jeder dritten
Messstelle belastet». Nur in ausländischen Publikationen liest man: Schweizer
Wasserqualität weltweit auf Rang eins oder zwei.

Der Medientonfall ist politisch brisant mit Blick auf die Abstimmung vom 13. Juni, an der
zwei Agrarvorlagen vors Volk kommen. Die Volksinitiative «Für sauberes Trinkwasser und
gesunde Nahrung» will jenen Bauern die Direktzahlungen streichen, die
Pflanzenschutzmittel (Pestizide) einsetzen oder Futter für die eigenen Tiere zukaufen. Die
Volksinitiative «Für eine Schweiz ohne synthetische Pestizide» soll die Anwendung
synthetischer Pflanzenschutzmittel ganz verbieten. Die Initianten haben ihre Kampagne
kürzlich mit einem breiten Aufgebot von Unterstützern lanciert, vom Klimaforscher
Thomas Stocker bis zum Gipfeli-Unternehmer Fredy Hiestand.

Der Bundesrat lehnt die zwei Initiativen ohne Gegenvorschlag ab. Der Bund setze sich
bereits mit anderen Massnahmen für die Reduktion von Pestiziden in der Landwirtschaft
ein, heisst es, und via parlamentarische Initiative der Wirtschaftskommission sei eine
beschleunigte Verringerung der Pflanzenschutzmittel beschlossen worden. Aber in der
Bundesverwaltung gibt es auch andere Tendenzen. Das Bundesamt für Umwelt (Bafu) im
Departement Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation von Bundesrätin Simonetta
Sommaruga erzeugt mit seiner Politik Rückenwind für die Initiativen.

Begonnen hat der Abstimmungskampf eigentlich so richtig im August 2019. Damals
veröffentlichte das Bafu kurz vor einer einschlägigen Sitzung der Ständeratskommission
den umfassenden, 130-seitigen Bericht der Nationalen Grundwasserbeobachtung (Naqua)
mit Daten von rund 600 Messstellen in der Schweiz. Die von Bundes- und Kantonsstellen
erhobenen Werte zum Zustand und zur Entwicklung der Grundwasservorkommen sind bis
heute die hauptsächliche und wichtigste Datensammlung zum Thema Grundwasser.
Zusammen mit zwei vorangegangenen, ähnlichen Erhebungen ermöglichen sie eine
Beurteilung der langfristigen Grundwasserentwicklung. Die Untersuchungen decken, grob
gesehen, den Zeitraum 2007 bis 2017 ab.

Damals, im August 2019, wurde der Naqua-Bericht mit seinen umfangreichen Daten von
einer dünnen Medienmitteilung des Bafu begleitet, die Sprengstoff war. Die
Trinkwasserversorgung sei in Gefahr, war ihre Botschaft: «In der Schweiz sind wir es
gewohnt, dass aus Grundwasser qualitativ einwandfreies Trinkwasser in ausreichender
Menge gewonnen werden kann. Dies ist heute jedoch nicht mehr selbstverständlich, denn
die Grundwasservorkommen weisen zunehmend Verunreinigungen auf, die mehrheitlich
aus der Landwirtschaft stammen.» Eine Verschlechterung der Wasserqualität wurde
angetönt, eine starke Belastung der Böden durch Nitrat, 80 Prozent der Messstellen zeigten
bestimmte Werte an, bei 20 Prozent seien bestimmte Pestizidrückstände gefunden worden. Vor allem die Landwirtschaft sei gefordert, Abhilfe zu schaffen.

Die Medien gaben den Alarm publizitätswirksam weiter ins Publikum. Und das wirklich
Explosive: Die Medienmitteilung zielte mit ihrem Tonfall in eine ganz andere Richtung als
der Naqua-Bericht. Es war eine totale Schere zwischen den beiden Dokumenten. Die
Medienmitteilung verzerrte den Inhalt des Berichts zu einem pessimistischen Bild des
Grundwasserzustands, der Bericht dagegen zeigte in mehrfacher Hinsicht längerfristige
Verbesserungen der Grundwassersituation.

Im Zentrum standen zwei Probleme: Rückstände von Nitrat und von Pflanzenschutzmitteln
oder deren Abbauprodukten. Nitrat gelangt primär dann ins Grundwasser, wenn die
Stickstoffdüngung von den Pflanzenwurzeln nicht rasch genug vollständig aufgenommen
wird und deshalb Stickstoffverbindungen durch den Boden gespült werden. Laut Naqua-
Bericht stammt ein Drittel des Trinkwassers aus den Grundwasserleitern im Mittelland und
ähnlich viel im Berggebiet. Der Boden wirkt als natürlicher Filter, der vor Verschmutzung
schützt – ausser wenn Stoffe aus Landwirtschaft, Besiedelung oder Industrie durch den
Boden gelangen.

Tönt dramatisch

Zum Nitrat: Das Bafu schrieb in der Medienmitteilung, der in der
Gewässerschutzverordnung festgelegte Interventionswert von 25 Milligramm Nitrat pro
Liter Wasser sei in der Berichtsperiode an gut 15 bis 20 Prozent der Messstellen
überschritten worden. Da muss der Gewässerschutz einschreiten, okay. In
Ackerbaugebieten waren gar 40 Prozent der Messungen zu hoch. Aber Achtung: Im
Mittelland hätten 80 Prozent der Messstellen mehr als 10 Milligramm Nitrat pro Liter
Wasser angezeigt. Das tönt dramatisch – aber die 10 Milligramm stellen keinen Grenzwert
dar, sondern wurden in der Mitteilung einfach so erwähnt. So kann man Alarmstimmung
schaffen. In Wirklichkeit zeigen die Zahlen des ausführlichen Berichts Verbesserungen von
2007 bis 2017.

Zu den Pflanzenschutzmitteln: Auch da zeigt sich im Bericht die Gesamtsituation bei
Pflanzenschutzmitteln seit 2010 wenig verändert, die Zahl der Messstellen, an denen
Rückstände in Konzentrationen von mehr als 0,1 Mikrogramm pro Liter Wasser
nachgewiesen wurden, blieb praktisch stabil. Aber dann der Aufreger: An rund 20 Prozent
der Messstellen lagen die Konzentrationen von Pflanzenschutzmittel-Abbauprodukten über
0,1 Mikrogramm pro Liter. Tönt dramatisch, aber wiederum: Die überwiegende Mehrheit
der nachgewiesenen Abbauprodukte waren nicht-relevant. Das heisst: Eine Konzentration
von mehr als 0.1 Mikrogramm stellte weder eine Überschreitung eines gesetzlichen Anforderungswertes noch ein gesundheitliches oder toxikologisches Risiko dar. Ziemlich
versteckt in der Studie stand schliesslich der zentrale Befund, der sich auf relevante
Wirkstoffe bezieht: An etwa 2 Prozent der Messstellen überschritten Pflanzenschutz-
Wirkstoffe den von der Gewässerschutzverordnung vorgegebenen Grenzwert von 0,1
Mikrogramm pro Liter. Mit andern Worten: An 98 Prozent der Messstellen lag die Belastung
durch Pflanzenschutzmittel nicht über den Limiten. Nochmals anders gesagt: Der
überwiegende Teil der Grundwasservorkommen ist nicht zu beanstanden.

Aber dabei blieb es nicht, die Manipulationen der Behörden entfalteten ihre Wirkung. Das
Bafu hatte mit seinen Scheinvorwürfen derart wirksam Stimmung gegen die
Landwirtschaft gemacht, dass sich jetzt handfeste Einschränkungen für die Branche daraus
entwickelt haben. Was zuerst aus der Luft gegriffen war, wurde mit Hilfe der öffentlichen
Stimmung und Politikreaktionen zu harten Barrieren.

So haben im vergangenen Herbst die Parlamentarier beim Beraten der Reduktionspfade für
Pflanzenschutzmittel – quasi als Alternative zu den Initiativen gedacht – einfach sämtliche
Rückstände als relevant eingestuft, so dass auch für jene, die gesundheitlich nicht von
Bedeutung sind, die strengen Grenzwerte von 0,1 Mikrogramm pro Liter gelten sollen.

Noch gravierender waren die Wirkungen in den Gemeinden und Kantonen. Aufgeschreckt
durch die Bafu-Verlautbarungen machten Wasserversorger und Kantone Druck auf die
Bundesverwaltung. Im Dezember 2019 verlangte der Berner Regierungsrat von Bundesrat
Guy Parmelin das sofortige Verbot des Pflanzenschutzwirkstoffs Chlorothalonil – und im
gleichen Monat entzog das Bundesamt für Landwirtschaft dem Wirkstoff die Zulassung:
Verbot ab Januar 2020. Begründet wurde dies damit, dass alle Chlorothalonil-
Abbauprodukte relevant seien. Die Grenzwerte wurden auf einen Schlag auf einen
Hunderstel des vorherigen Wertes reduziert, von 10 Mikrogramm pro Liter Grundwasser
auf 0,1 Mikrogramm. Die Botschaft: Alles ist gefährlich.

Ist das Verbot rechtmässig?

Ein Produzent des Mittels, der Chemie- und Pflanzenschutzkonzern Syngenta, legte beim
Bundesverwaltungsgericht Beschwerde dagegen ein, mit dem Einwand, das fachlich
zuständige Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) habe
widersprüchliche Argumente vorgebracht. Tatsächlich stützte eine Relevanzprüfung des
BLV die Einschätzung, die Abbauprodukte seien gesundheitlich nicht relevant. Die
juristische Auseinandersetzung hält an, Syngenta hat bei zwei Zwischenentscheiden Recht
erhalten, das BLV musste jüngst die Warnung zurücknehmen, Chlorotholanil sei potenziell
krebserregend. Aber der Entscheid über die Rechtmässigkeit des Verbots steht noch aus.

Das Bafu setzte parallel dazu aber die Anti-Pflanzenschutz-Kampagne auf breiter Front fort
und doppelte im°Mai 2020 nach: Es meldete eine grossflächige Belastung des Grundwassers
durch die Abbauprodukte des Pflanzenschutzmittels in mehr als der Hälfte aller Kantone,
kurz: Gesundheitsgefährdung im halben Land.

Wie kam das zustande, nachdem ein Jahr vorher noch 98 Prozent der Messungen in
Ordnung waren? Das Bafu hat die neu fixierten Grenzwerte grossenteils auf die früheren
Erhebungsdaten angewendet: es hat mit neuem Massstab alte Daten gemessen.

Damit gilt jetzt jeder Rückstand über dem Grenzwert, ob gesundheitlich relevant oder nicht,
als gefährlich und verboten. Die Kosten dieser einseitigen Minimalisierungsstrategie?
Ertragseinbussen in der Landwirtschaft und der Nahrungsmittelversorgung, mehr Importe,
höhere Belastung durch sogenannte biologische Pestizide wie Kupfer oder Paraffinöl,
vertane Chancen mit Blick auf Wirtschaftlichkeit und Umweltschutz – all das ist für das
Bafu kein Problem, kein Thema. Auch nicht, dass durch die gemeinsame
Skandalisierungskampagne mit dem BLV jetzt viele Leute meinen, unser Trinkwasser sei
verschmutzt. Denn den Schaden tragen ja andere, nicht die Ämter.

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